20. September 2015

Staatliche Gesundheitsvorsorge Wollen Sie 208 Euro pro Jahr sparen?

Individuelle Verantwortungslosigkeit und Beschneidung von Freiheiten

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Bildquelle: shutterstock Teuer für die Allgemeinheit: Ungesunde Lebensführung

16,8 Milliarden Euro – das sind pro deutschem Bundesbürger (rund 80,62 Millionen) ungefähr 208 Euro! Dafür kann man mal richtig fürstlich essen gehen – wohlgemerkt: 208 Euro pro Person! Wenn man bedenkt, dass im kommenden Jahr der Hartz-IV-Satz um fünf Euro angehoben werden soll, wird die Dimension noch deutlicher. Pro Person 208 Euro pro Jahr, das ist zwar auf’s Jahr gerechnet nicht viel, für viele mit niedrigem oder gar keinem Einkommen oder für Kinder als Taschengeldanhebung aber eben doch eine ganze Menge und auf einen Schlag gesehen für die meisten von uns ein Betrag, den man nicht mal eben bedenkenlos ausgibt. Wer es also schafft, 208 Euro pro Person im Jahr einzusparen, kann sich davon was Feines zusätzlich leisten.

Und es ist ganz einfach, diese 208 Euro einzusparen! Alles, was man tun muss, ist die Regierung dazu zu bringen, unser Sozialsystem umzubauen. Alternativ bringen Sie alle 80,62 Millionen Bundesbürger dazu, sich von heute an gesund zu ernähren. Nach einer aktuellen Studie kosten nämlich die Folgen ungesunder Ernährung den Staat pro Jahr 16,8 Milliarden Euro. Und wenn man sagt, „kosten den Staat“, dann ist ja klar, dass da nicht ein Finanz- oder Gesundheitsminister sein Portemonnaie öffnet: Das ist Ihr Geld!

Mal angenommen, die Studie ist tatsächlich wissenschaftlich tragfähig (die Beschreibung lässt da schon bei mir als Laien ein paar Fragen offen), dann kosten uns als Bundesbürger das ungesunde Ernährungsverhalten unserer Bundesbrüder pro Jahr eben 16,8 Milliarden Euro oder 208 Euro pro Person. Und wenn sich nun auf einen Schlag alle Bundesbürger gesund ernährten, dann würden die Gesundheitskosten – vermutlich sukzessive, aber darauf soll es nicht ankommen – um 16,8 Milliarden Euro sinken, und mit ihr die Steuerlast. Gut, letzteres glauben wir alle nicht, der dann tätigen Regierung wird schon was einfallen, was sie mit den 16,8 Milliarden Euro Besseres anfängt, aber in der Tendenz wäre das eine generelle Entlastung.

Jetzt denken Sie vielleicht: Wie soll ich denn mehr als 80 Millionen Menschen dazu bringen, sich gesund zu ernähren? Aber da sind Sie dann schon in die Falle getappt. Vielleicht ernähren Sie sich gesund und fragen sich, wieso Sie für die ganzen Hamburger-Bier-und-Chips-Fresser zahlen müssen? Denn Sie selbst kosten ja den Staat dann (statistisch) gar nicht diese 208 Euro, Ihr Nachbar dagegen, der jeden Tag bei Mäckes essen geht, kostet gut und gerne 1.000! Der zahlt aber auch nur 208 Euro! Ist das nicht ungerecht?

Na klar ist es das, aber wenn die Lösung für Sie darin besteht, Ihrem Nachbarn zukünftig vorschreiben zu wollen, was er zu essen hat, sind Sie schon in die Sozialismusfalle gegangen (das ist durchaus kein Vorwurf, passiert mir auch dauernd, die laufende Berieselung mit den Vorzügen des Nannystaates hinterlässt überall Spuren). Wenn Sie dagegen die Freiheit lieben, werden Sie sagen: Kann mir doch egal sein, ob sich mein Nachbar krankfuttert (wenn Sie ein bisschen mehr Empathie besitzen, werden Sie ihn vielleicht mal auf gegrilltes Hühnchen mit Salat einladen), solange ich dafür nicht haftbar gemacht werde.

Will man also die Freiheit der Menschen, auch die Freiheit, sich im Zweifel selbst zu schaden, nicht einschränken, wäre es also besser, wenn Kosten für ernährungsbedingte Krankheiten gar nicht von der Solidargemeinschaft getragen würden. Das ist im Zweifel schwer festzumachen (naja, die Ersteller der Studie haben das ja auch irgendwie geschafft), aber dann haftete jeder selbst dafür, dass er sich regelmäßig Fastfood gönnt (und würde über diesen Preis vielleicht auch von alleine auf den Trichter kommen, dass es besser wäre, dabei zumindest ein bisschen Sport zu machen). Und schon, hoppla, stellen Sie den Sozialstaat und die Solidargemeinschaft in Frage. Glauben Sie ja nicht, dass Sie damit in der Politik einen Blumentopf gewinnen können, denn das ist dann ja – genau – unsolidarisch!

Schon klar, es gibt Krankheiten, für die kann keiner was, da zieht meine obige Argumentation nur bedingt, aber auch hier kann man fragen, wieso man in eine staatliche Solidargemeinschaft gezwungen wird, anstatt sich über private Versicherungen in eine freiwillige Solidargemeinschaft zu begeben? Und wenn man eine solche Krankenversicherung abschließt, dann geht man ganz selbstverständlich davon aus, dass bestimmte Verhaltensweisen die Versicherungsprämie erhöhen werden – wer die freiwillige Solidargemeinschaft höher belastet, der zahlt halt mehr oder scheidet daraus aus. Und wenn sich der Staat aus der Verwaltung all dessen heraushält, was wollen wir wetten, dass Sie dann – als Durchschnitts-Mittel-Ernährter – weniger als 208 Euro zahlen?

Ich bilde mir nicht ein, dass das alles so einfach ist, zieht man genetische Dispositionen für Krankheiten mit in Betracht; für die müssten auch Lösungen gefunden werden, und man kann sich schon vorstellen, dass es einer christlich geprägten Gesellschaft gut anstünde, diejenigen, die schwer vorbelastet sind, nicht damit im Regen stehen zu lassen. Aber die Tendenz sollte klarwerden: Das staatlich gelenkte Gesundheitssystem befördert einerseits individuelle Verantwortungslosigkeit („Für mein Verhalten haften ja andere mit“) und führt im Zweifel zur Beschneidung von Freiheiten („Dann sollte es verboten sein, sich so zu ernähren“).

Wenn Sie also das nächstemal Schlagzeilen lesen wie „Ungesunde Ernährung kostet den Staat fast 17 Milliarden Euro im Jahr“, behalten Sie immer im Hinterkopf: Nicht den Staat, sondern mich, und wieso eigentlich?

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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