15. September 2015

Migration im Tatort Neue Krimis braucht Almanya

Das Bredow-Institut setzt Standards

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Bildquelle: Wikimedia commons Erziehungsauftrag nur bedingt erfüllt: Tatort in der ARD

Um blühende Willkommenskulturlandschaften zu schaffen, genügt es nicht, an Bahnhöfen Teddys oder Smarties zu schmeißen. Gefordert sind vor allem die Medien. Die meisten kommen in der aktuellen Berichterstattung ihrem Erziehungsauftrag tapfer nach, mögen von Rechtspopulisten aufgehetzte Leser und Zuschauer sie dafür auch heftig mobben. Solange Josef Joffe in der „Zeit“ das „deutsche Wunder“ preist („Das Land öffnet den Fremden die Tore und Herzen“), währt das zweite deutsche Sommermärchen sicherlich noch ein Weilchen.

Doch was passiert auf der fiktionalen Schiene? Erfahrene Kuschelpädagog_Innen wissen: ein weltanschaulich astrein gebauter Krimi, bei dem der Schurke selbstredend der feinen biodeutschen Gesellschaft entstammt und nicht etwa einer Parallelgesellschaft, solch eine Erzählung kann Gutes in den Köpfen stiften. Verhält es sich umgekehrt, werden nur Hass und Vorurteile geschürt. Dann bricht womöglich der Sarrazin in uns durch.

Deshalb müssen auch und gerade Krimistoffe, der Deutschen liebstes Unterhaltungsfutter, scharf auf toxische Zutaten geprüft werden. Das „Hans-Bredow-Institut für Medienforschung“ an der Uni Hamburg, einst vom Nordwestdeutschen Rundfunk NWDR gegründet (ein Urgestein des Volkserziehungsanstaltswesens), hat dazu vor acht Jahren eine wegweisende Untersuchung veröffentlicht.

Diese „Studie“, wie man gewöhnlich Betrachtungen nennt, deren Linien von Anfang an feststehen und nur mehr ausgemalt werden müssen wie Vorlagen in einem Kinderbuch, befasste sich mit der populären Tatort-Reihe. Speziell unter dem Aspekt, „wie Tatort-Filme das Thema Migration umsetzen“.

Ausgewählt wurden von den – bis dahin – insgesamt „92 Migrationsfolgen“ die fünf Filme „Brandwunden“ (1998), „Fetischzauber“ (1996), „In der Falle“ (1998), „Kinder der Gewalt“ (1999) und „Reise ins Nichts“ (2002). 

Die Autorin der Studie („Das integrationsfördernde Potential fiktionaler Fernsehinhalte“) erkannte in den Filmen Licht und Schatten. Schon 2007 war ihr klar: Es gibt ein helles und ein dunkles Glotzen-Deutschland.

„‚In der Falle‘“, lobte sie, „liefert Vorurteilen wenig Nahrung. Abgesehen von zwei Nebenfiguren entsprechen sie (die gezeigten Migranten) in keiner Weise gängigen Vorstellungen; zudem weisen die meisten von ihnen erstrebenswerte Eigenschaften auf und sind somit geeignet, Zuseher in positiven Einstellungen gegenüber Migranten zu bestärken.“

Was der Forscherin besonders gefiel:

„Eine Figur stellt sogar einen expliziten Bruch mit Klischees dar und bietet dadurch Anlass zur Reflektion: Es handelt sich um eine Putzfrau, die im ersten Moment in Aussehen, Sprache und Verhalten dem Bild einer unselbständigen gläubigen Türkin ohne Deutschkenntnisse entspricht. Tatsächlich versteckt sich dahinter eine attraktive Frau Anfang 20, die in Deutschland aufgewachsen ist und sich während der Arbeit verkleidet, um nicht von Männern belästigt zu werden.“

Die Tatort-Folge „Fetischzauber“ dagegen bekam ein hammerhartes Verdikt:

„Betrachtet man das Figurenrepertoire näher, so wird deutlich, dass ‚Fetischzauber‘ ein Bild von zwei entlang der Herkunft klar abgrenzbaren Gruppierungen mit getrennten Lebenswelten vermittelt, das wenig dazu geeignet ist, die Wahrnehmung von Einwanderern als Teil des gesellschaftlichen Alltags zu fördern. Die Migranten stellen eine homogene Gruppe dar, die sich stark von den Deutschen unterscheidet. Um ihre Religion ungestört ausüben zu können, schaffen sie eine kleine Teilgesellschaft, in der andere Regeln und Werte gelten. Der Großteil der Figuren ist nach Herkunft einem bestimmtem Schauplatz zugeordnet, und mit Ausnahme der Kommissare treten deutsche Figuren kaum zusammen mit Einwanderern auf. Aus diesem Grund werden in ‚Fetischzauber‘ kaum positive Modelle des Zusammenlebens von Menschen unterschiedlicher Herkunft gezeigt.“

Sehr in Ordnung für die Forscherin ging die Tatort-Folge „Reise ins Nichts“, in der der radelnde Saarbrücker Bullengnom Palü herzlichen, integrationswilligen, gleichwohl von deutschen Behörden hartleibig verfolgten Migranten freundschaftlich begegnet:

„Am Ende des Films zeigen sich Palü und seine Frau solidarisch mit den Flüchtlingen und kritisieren die strengen Gesetze, die zu ihrer Abschiebung führen. An positiven Modellen des gegenseitigen Umgangs mangelt es in ‚Reise ins Nichts‘ folglich nicht.“

Alles in allem, so das Fazit der Studie, läuft es aber nicht wirklich rund beim Migrations-Tatort:

„Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Krimireihe Tatort einen wichtigen Beitrag zur Diskussion von Einwanderung in den Medien leistet. Dennoch scheint das inhaltliche Angebot der Reihe nur bedingt geeignet, stereotype Vorstellungen zu durchbrechen, Vorurteilen entgegenzuwirken oder die Wahrnehmung von Migranten als Teil der Gesellschaft zu fördern.“

Was also ist zu tun? Mein Vorschlag: Alle einschlägigen Tatort-Drehbücher werden ab sofort vor ihrer filmischen Umsetzung Migrationsbeauftragt_Innen und Flüchtlingsrät_Innen vorgelegt. Und bei – sicherlich vorhandenem – Bedarf von Vorurteilsforscher_Innen nachgebessert.

Mag etwas umständlich erscheinen, das Prozedere. Dürfte aber nach einiger Zeit obsolet sein. Willkommenskulturellbereicherte Drehbuchschreiber werden bald erkennen, dass ihre alten rassistischen Stereotypen nicht länger ziehen. Sie werden die vom Bredow-Institut geforderten Standards endlich liefern müssen. Und zwar auf eine Weise, dass auch Staatsministerin Aydan „Teilhabe“ Özoğuz endlich entspannt Tatort gucken kann.

Update: Jetzt aber beherzt syrische Ärzte und Ingenieure in den Tatort einbauen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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