07. Juli 2015

Investment Ein Vorbild für aufstrebende Führungskräfte

Der Ex-Finanzchef der Bell AG, Martin Gysin

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Bildquelle: shutterstock Wahre Werte: Mit Fleisch und Wurst zum Erfolg

Die Medien sind voll mit den Vergehen gieriger Topmanager. Auf der anderen Seite sonnen sich manche „Egos“ im Glanz der Presse und sind als vermeintliche „Champions“ in aller Munde. Als Investor habe ich im Verlauf der vielen Jahre festgestellt, dass die wahren Helden, die nachhaltig Wertschöpfung schaffen, oft unbemerkt im Verborgenen wirken. Dazu ein Beispiel für eine herausragende Lebensleistung: Martin Gysin, ehemaliger Finanzchef der Bell AG in Basel (Schweizer Marktführer bei Fleisch und Wurst). Er rangiert in meiner „Hall of Value Fame“ ganz oben.

Martin Gysin übernahm am 1. Juli 1994 im Alter von 34 Jahren die Finanzleitung der Bell AG. Das Amt des Finanzchefs behielt er fast 21 Jahre lang und legte es am 31. Januar 2015 im Alter von 55 Jahren freiwillig nieder. Bei Amtsantritt 1994 stand die Bell-Aktie bei 112 Schweizer Franken. Als Value-Investor wurde ich 1996 auf Herrn Gysin und die Bell AG aufmerksam. Von Singapur aus besuchte ich ihn in seinem Büro in Basel in der Elsässerstrasse im gleichen Jahr. Herr Gysin gehörte zu den wenigen Finanzchefs, die sich wirklich um die Investoren kümmerten und das Business-Modell der Firma einleuchtend erklären konnten. Der Börsenkurs der Bell-Aktie war inzwischen auf etwa 320 Franken gestiegen. Herr Gysin rechnete mir klar vor, wie sehr die Bell-Aktie unterbewertet war. Dabei neigte er (auch in späteren Jahren) nicht zu Übertreibungen und zeichnete sich durch seine bescheidene und kritische Art aus.

Als Herr Gysin sich entschloss, seine Karriere Ende Januar 2015 zu beenden, konnte er auf eine beständige Wertsteigerung von ganz außerordentlichem Ausmaß verweisen. Der Kurs der Bell AG stand bei etwa 2.400 Schweizer Franken (!).

Die Marktkapitalisierung ist von 45 Millionen auf knapp unter eine Milliarde Franken gestiegen. Die Dividende des Jahres 1995 (für das Jahr 1994) betrug drei Franken pro Aktie. Im Jahre 2015 wurden für das Jahr 2014 65 Franken pro Aktie ausgeschüttet.

Diese Zahlen muss man sich veranschaulichen: Allein durch die Kurssteigerung wurden aus einem Investment in Höhe von 500.000 Franken inzwischen zwölf Millionen Franken. Die Dividendensteigerung veranschaulicht man sich am besten im Vergleich zu Mieteinnahmen. Aus einer Immobilie, die 1995 3.000 Franken Monatsmiete einbrachte, flossen dem Investor nun – ohne weitere Investitionen – 65.000 Franken monatliche Mieteinnahmen zu. Kennen Sie eine solche Immobilie? Ich nicht. Deshalb bin ich so gerne Value Investor, eine Lebenspassion.

Auf „Finanzchinesisch“ wird die Performance der Bell-Aktie unter der Ägide von Finanzchef Martin Gysin wie folgt ausgedrückt: Eine jährliche Gesamtrendite aus Kurssteigerung und Dividende in Höhe von kontinuierlich 17 Prozent im Jahr über 21 Jahre lang! 

Es gilt festzuhalten: Wir sprechen hier nicht von Venture Capital, sondern von einer altetablierten Unternehmung, die in der Schweiz jedermann bekannt ist, die mit Fleisch und Wurst zu tun hat. Immer schon Marktführer. Mit ihren Fabrikationsgebäuden in Basel und ihren LKWs für jeden deutlich sichtbar. Kein Geheimtipp. Aber: In all den Jahren kann ich mich nicht erinnern, dass die Finanzpresse die Bell AG je besonders positiv hervorgehoben hat. An eine klipp und klare Kaufempfehlung seitens der Banken kann ich mich nicht erinnern. Auch im Gespräch mit anderen Value-Investoren wurde das Thema Bell AG meist vom Tisch gewischt: Wo ist denn da das Wachstum? Marktführer in der Schweiz, na und? Die operative Marge in der Fleischverarbeitung ist nicht sehr attraktiv. Fleisch und Wurst – keine sehr attraktive Branche. Wer Herrn Gysin kennengelernt hätte, wäre zu einer anderen Meinung gekommen. Ein Business-Modell, das beständig Jahr für Jahr das Eigenkapital für den Aktionär erhöhen konnte.

Am 31. Januar 2015 hat Herr Martin Gysin den Stab an seinen Nachfolger übergeben. Still und bescheiden, von der Öffentlichkeit nahezu unbemerkt, ist er ausgeschieden. Für mich eine herausragende Persönlichkeit, die sich 21 Jahre lang in den Dienst der Sache gestellt hat. Ein Vorbild für aufstrebende Führungskräfte. Danke, Martin Gysin.

Mit seiner verantwortungsvollen, loyalen Arbeit im Umgang mit dem Geld der Aktionäre gehört er in meine „Hall of Value Fame“.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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