03. Juni 2015

Lebensrecht Propaganda für Selektion

Ein Widerspruch gegen „Die Welt“

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Bildquelle: shutterstock PID: Ein Kind als Last?

Ob sich eine junge Mutter eines kleinen Babys wünscht, nie geboren zu sein? Ich spreche nicht von einer postnatalen Depression, ich meine die bewusste Entscheidung, eigentlich nicht auf der Welt sein zu wollen? Dieser Zustand wird wohl – gerade nach der Geburt eines gesunden Sohnes – nur selten vorkommen und eher handfeste psychische Probleme offenbaren. Oder eine sehr, sehr kurze Weltsicht!

Über den Kurzvideodienst NowThis hat die Zeitung „Die Welt“ gestern einen Beitrag in sozialen Medien wie Facebook geschaltet. Titel: „Dieses Baby ist ein genetisches Superbaby“. Als Lebensschützer und Katholik hält man die Luft an, es geht aber dann gar nicht um Genveränderungen, die man an dem kleinen Jungen, Lucas, vorgenommen hat. Er ist lediglich das europaweit erste Kind, bei dem man das Verfahren des „Karyomapping“ im Rahmen der Präimplantationsdiagnostik (PID) durchgeführt hat. Der süße Kleine und seine glücklichen Eltern werden mit anrührender Musik vorgeführt, während Karen Doye vom Centre for Reproductive and Genetic Health in London darüber berichtet, dass es sich bei dem Verfahren offenbar um die beste Erfindung seit geschnittenem Brot handelt.

Sie beruhigt auch direkt, dass man keine genetischen Veränderungen vornehmen würde, sondern nur sehr schnell und bequem Auskunft darüber erhalte, ob ein genetischer Defekt bei dem Embryo vorliege. Der Film klärt darüber auf, dass man beispielsweise einen Embryo mit dem Verfahren auch auf das Down-Syndrom testen könne. Nach dieser Lobhudelei auf diese Errungenschaft der Gentechnik wird zum Schluss noch darauf hingewiesen, dass es Länder in Europa gibt, „die sich gegen die Präimplantationsdiagnostik positionieren. Zum Beispiel die Schweiz.“ Abschließend heißt es noch zur Präimplantationsdiagnostik: „Sie gilt noch als moralisch und politisch umstritten.“

Immerhin mit dem letzten Satz stellt der Beitrag klar, dass es wohl nicht ganz so einfach ist mit der PID. Im konkreten Fall ging es beispielsweise darum, dass die Mutter von Lucas eine vererbliche Muskelkrankheit hat, den Morbus Charcot-Marie-Tooth. Konsultiert man Wikipedia, erfährt man mehr darüber:

„Die Charcot-Marie-Tooth-Krankheit ist die häufigste neurogenetische Erkrankung. 20-30 Personen auf 100.000 Einwohner sind betroffen. Anders als bei den Muskeldystrophien werden die Menschen, die CMT haben, mit normalen Muskeln geboren. Die Muskeln schwinden (atrophieren), weil die von CMT beeinträchtigten Nerven die Befehle des Gehirns für bestimmte Muskelbewegungen nicht exakt übertragen können. Die Erkrankung setzt oft schon im Kindesalter ein. Manchmal kommt es aber auch erst zwischen dem 20. und dem 30. Lebensjahr zu ersten Manifestationen. Die wichtigsten Symptome dieser Krankheit bestehen in einer zunehmenden Schwäche von Händen und Füßen, die sich nach und nach in den Armen und Beinen ausbreitet. Manchmal bleibt den Betroffenen nur die Zuhilfenahme von Krücken oder sogar ein Leben im Rollstuhl.

In der Regel ist der Musculus tibialis anterior (Fußheber), der vorn am Schienbein herabläuft, als erster Muskel betroffen. Daraus resultiert ein unsicherer Gang: Der Fuß hängt schlaff herunter, man stolpert leicht und muss das Bein vom Oberschenkel aus anheben, bis auch die Zehen sich vom Boden lösen. Der Fuß setzt patschend wieder auf dem Boden auf. Dies wird anschaulich als Stepper- oder Storchengang bezeichnet.“

Dass man eine solche Krankheit seinem Kind nicht gönnen möchte, ist wohl selbstverständlich. Dass man bemüht ist, eine solche Krankheit, wenn möglich, zu vermeiden, ist auch nachvollziehbar. Aber das Leben eines Kindes davon abhängig machen? Man kommt nicht umhin, die Bilder von Lucas zu sehen und zu denken: Der kleine Mann wäre jetzt nicht da, wenn der Test ein anderes Ergebnis geliefert hätte! Möglicherweise hätte er dann diese genetische Veranlagung, die in eine Krankheit münden kann, aber wäre er es dann nicht wert gewesen, zu leben?

Und was sagt uns die Tatsache, dass die Mutter diese Krankheit hat? Als ihre Eltern sie gezeugt haben, gab es die entsprechende Technologie noch nicht. Hätte es sie aber gegeben, wäre sie nie geboren worden, ihr Mann hätte nicht diese – wie ich annehme – wunderbare Frau, die jetzt trotz ihrer Krankheit stolz auf ihren Sohn schaut. Wie viel Glück hätte es in ihrem Leben und in dem ihrer Familie und Freunde nicht gegeben, wenn ihre Mutter die gleichen Möglichkeiten gehabt hätte wie sie heute?

Natürlich, es hätte auch Leid nicht gegeben, aber Leid und Krankheit gehören letztlich zum Leben. Und wer wollte heute sagen, das Leben der jungen Mutter sei es nicht wert, gelebt zu werden? Niemand, außer sie selbst? Ich nehme an, die Eltern von Lucas haben sich keine Gedanken darüber gemacht, dass sie mit der PID an ihrem Kind ein Urteil über den Wert des Lebens der Mutter gesprochen haben – sie wären sonst nicht auf den Gedanken gekommen. Man wird ihnen erzählt haben, dass sie einem potentiellen Kind viel Leid ersparen könnten. Man wird sie gefragt haben, ob sie denn wollten, dass ihr Kind auch an der Krankheit zu leiden habe? Wer würde diese Frage schon bejahen?

Von der Signalwirkung auf andere, erblich belastete Eltern haben wir dann noch gar nicht gesprochen. Lucas Eltern haben vorgesorgt, ein krankes Kind hätte nicht nur selbst leiden müssen, es wäre sonst ihnen und der Gesellschaft womöglich zur Last gefallen. Aber was ist mit Eltern, die einen solchen Test nicht machen wollen: Muten sie der Gesellschaft nicht unnötige Lasten zu? Von der freiwilligen Entscheidung, einen solchen Test zu machen, zu einer gesellschaftlichen, vielleicht mal irgendwann geforderten gesetzlichen Pflicht ist es nur ein kleiner Schritt. Spätestens wenn man der Mutter eines zukünftigen Lucas deutlich machen wird, dass man ein Kind, das so ist wie sie selbst, nicht akzeptieren wolle, wird deutlich werden, welche schiefe Ebene man mit der PID betreten hat.

Von dieser Warte aus betrachtet, ist der Beitrag der „Welt“ ein ziemlich widerliches Stück Propaganda für eine Selektionstechnologie, die unangenehme gesellschaftliche Fragen lieber ausklammert. Immerhin: In den Kommentaren zum Video habe ich auch einiges an kritischen Anmerkungen zur Prüfung „lebenswerten Lebens“ gelesen. Es ist noch nicht alles verloren!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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